ADHS hört nicht mit der Jugend auf

Berlin (1.12.2025). Viele Menschen verbinden ADHS mit zappeligen Kindern oder schwierigen Schuljahren. Was dabei oft übersehen wird: ADHS verschwindet nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden. Auf einem großen psychiatrischen Fachkongress in Berlin machten Fachleute vom Expertenrat ADHS deutlich, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung viele Menschen ihr Leben lang begleitet – auch dann, wenn sie jahrzehntelang unerkannt bleibt.

Im Laufe der Jahre verändert sich das Bild. Die sichtbare Unruhe tritt häufig in den Hintergrund, doch innerlich bleibt es für viele Betroffene laut. Gedanken springen, Entscheidungen fallen schwer, der Alltag fühlt sich schnell überwältigend an. Viele kennen das Gefühl, ständig gegen die eigene Zerstreutheit anzukämpfen, Termine zu vergessen oder sich selbst für mangelnde Organisation zu verurteilen. Was nach außen oft wie Nachlässigkeit wirkt, ist für die Betroffenen ein dauernder Kraftakt.

Mit der Zeit kommen weitere Belastungen hinzu. Menschen mit unbehandelter ADHS entwickeln häufiger Depressionen oder Ängste, nicht selten auch ein problematisches Verhältnis zu Alkohol oder anderen Substanzen. Hinzu kommen körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die im Alltag zusätzliche Sorgen bereiten können. Ein Experte verglich diesen Prozess mit einer Fusselrolle: Über die Jahre bleibt immer mehr an einem haften – bis es schwer wird, das eigentliche Problem noch zu erkennen.

Gerade deshalb kann eine späte Diagnose tiefgreifend sein. Für viele ist sie ein Moment großer Erleichterung: Endlich ergibt das eigene Leben rückblickend Sinn. Schwierigkeiten, Brüche und Selbstzweifel bekommen einen Namen – und verlieren etwas von ihrer Schwere. Dieses neue Verständnis eröffnet Wege zu Unterstützung, die helfen kann, den Alltag besser zu strukturieren, Beziehungen zu entlasten und die eigene Gesundheit bewusster zu schützen.

ADHS im Alter zu erkennen bedeutet nicht, Vergangenes aufzuwühlen. Es bedeutet, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen und neue Handlungsspielräume zu gewinnen. Es ist nie zu spät, sich besser zu verstehen – und damit die eigene Lebensqualität zu verbessern.

Häufige Fragen zu ADHS im Erwachsenen- und höheren Alter

Kann man ADHS auch erst im Erwachsenenalter bekommen?
ADHS entsteht nicht erst im späteren Leben. Die Symptome bestehen in der Regel seit der Kindheit, werden aber bei vielen Menschen lange nicht erkannt. Erst im Erwachsenen- oder höheren Alter fällt auf, dass bestimmte Schwierigkeiten ein gemeinsames Muster haben.

Warum wird ADHS bei älteren Menschen so oft übersehen?
Viele Betroffene haben im Laufe ihres Lebens wirksame Strategien entwickelt, um ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Gleichzeitig verändern sich die Symptome: Statt äußerer Unruhe stehen innere Anspannung, Konzentrationsprobleme oder Organisationsschwierigkeiten im Vordergrund. Das wird häufig anderen Ursachen zugeschrieben.

Ist es nicht „zu spät“ für eine Diagnose?
Nein. Eine Diagnose kann auch im höheren Alter sehr sinnvoll sein. Sie hilft, das eigene Leben besser zu verstehen, Selbstvorwürfe loszulassen und gezielt Unterstützung zu finden – unabhängig vom Alter.

Welche Rolle spielen Begleiterkrankungen?
Depressionen, Angststörungen oder körperliche Erkrankungen treten bei Menschen mit ADHS häufiger auf. Manchmal stehen diese so im Vordergrund, dass die ADHS selbst lange unentdeckt bleibt.

Wie läuft eine Abklärung bei Erwachsenen ab?
Die Diagnostik stützt sich auf Gespräche, biografische Informationen und – wenn möglich – Berichte aus der Kindheit, etwa Schulzeugnisse oder Aussagen von Angehörigen. Ziel ist es, die Symptome im Lebensverlauf einzuordnen.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich unsicher bin?
Erste Ansprechpartner sind Ärztinnen und Ärzte oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Erfahrung in der ADHS-Diagnostik bei Erwachsenen. Ein offenes Gespräch kann helfen, die nächsten Schritte zu klären.

Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 2025.
Bildnachweis
Natalia Trofimova auf Unsplash
Quelle
• Symposium „Späte Diagnose, neue Chancen: ADHS im Fokus der zweiten Lebenshälfte“. Veranstalter: Medice Arzneimittel Pütter, Iserlohn // med in mind, München. Berlin, 27.11.2025. Im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Berlin, 26.-29.11.2025.