ADHS: Wenn die Diagnose gestellt ist – und die Versorgung nicht folgt

Nach der Diagnose: Oft vergebliche Arztsuche…
Eine ADHS-Diagnose ist für viele Betroffene ein wichtiger Schritt. Sie erklärt Probleme, die oft über Jahre bestanden haben, und kann entlastend wirken.

Doch in der Praxis zeigt sich häufig ein anderes Problem: Mit der Diagnose allein ist der weitere Weg oft nicht geklärt.

Diagnostik ist nicht gleich Behandlung

In vielen Fällen erfolgt die Diagnostik bei spezialisierten Psychologinnen und Psychologen oder in entsprechenden Ambulanzen. Die eigentliche Behandlung – insbesondere wenn eine medikamentöse Therapie in Frage kommt – liegt dagegen meist bei Fachärztinnen und Fachärzten.

Diese Trennung ist grundsätzlich sinnvoll, führt in der Versorgungspraxis jedoch häufig zu Brüchen im Behandlungsverlauf.

Die typische Bruchstelle

Nach der Diagnosestellung stellt sich für viele Betroffene die gleiche Frage: Wie geht es jetzt konkret weiter?

Häufig fehlen ein klarer Behandlungsplan, eine direkte Anbindung an weiterbehandelnde Ärztinnen und Ärzte und eine strukturierte Übergabe. Stattdessen entstehen Wartezeiten, Unsicherheiten und wiederholte Neuanläufe im System.

Warum diese Lücke problematisch ist

Gerade bei ADHS ist eine zeitnahe und strukturierte Behandlung entscheidend. Je nach individueller Situation gehören dazu psychoedukative Maßnahmen, alltagspraktische Unterstützung und häufig auch eine medikamentöse Therapie.

Wenn dieser Übergang nicht gelingt, bleibt die Diagnose ohne praktische Konsequenz. Für viele Betroffene bedeutet das erneute Frustration, fehlende Orientierung und das Gefühl, „trotz Diagnose nicht weiterzukommen“.

Ein strukturelles Problem

Diese Versorgungslücke ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines strukturellen Problems. Diagnostik und Behandlung sind organisatorisch getrennt, ohne dass die Schnittstelle verbindlich geregelt ist.

Dadurch ist Verantwortung oft nicht klar zugeordnet, und Betroffene müssen den nächsten Schritt selbst organisieren – ausgerechnet bei einer Störung, die Planen, Strukturieren und Dranbleiben erschwert.

Was sich daraus ableiten lässt

Für die Versorgung bedeutet das: Der Fokus sollte nicht nur auf der Diagnostik liegen, sondern stärker auf dem Übergang in die Behandlung. Dazu gehören klar definierte Behandlungswege, eine bessere Vernetzung zwischen Diagnostik und Therapie sowie transparentere Informationen für Betroffene.

Ziel ist eine Versorgung, die nicht bei der Diagnose endet, sondern dort erst beginnen müsste.

Ein anderer Blick auf „Versorgung“

Für Betroffene wird damit ein zentraler Punkt deutlich: Nicht jede Verzögerung oder Unsicherheit nach der Diagnose ist ein individuelles Problem. Häufig handelt es sich um systembedingte Lücken – unabhängig von Motivation oder Engagement.

Hinweis für Hausärzt:innen
Hausärzt:innen sind für viele Erwachsene mit ADHS die erste und oft einzige konstante Anlaufstelle.
   Hilfreich ist es, nach einer gesicherten Diagnose aktiv nach dem Stand der Weiterbehandlung zu fragen, gemeinsam nächste Schritte (z.B. Überweisung, Medikation, Psychoedukation) festzulegen und diese schriftlich festzuhalten.
   Wo spezialisierte Angebote fehlen oder lange Wartezeiten bestehen, kann die hausärztliche Weiterverordnung leitliniengerechter Medikation – in Kooperation mit Fachärzt:innen oder Netzwerken – helfen, Versorgungslücken zu überbrücken.

Quellen
• Müller T: Oft keine Diagnose – ADHS: Versorgungslücke bei Erwachsenen. Medizin aktuell. 2017 May 1;18:12–13 (DOI, Volltext).
• Akmatov MK, Hering R, Steffen A, Holstiege J, Bätzing J: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – Analysen zur Versorgungssituation in Deutschland. Versorgungsatlas Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Zi-Bericht Nr. 19/02. 2019 Mar 12 (Zusammenfassung).
• Baumgarten E: ADHS bei Erwachsenen – Realität der Versorgung in Deutschland. Überblick zu Wartezeiten, Übergängen und strukturellen Defiziten. fokus-adhs.com, Ulm, 4.2.2026 (Volltext).
Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, April 2026.
Bildnachweis
• Foto von Evgeni Tcherkasski auf Unsplash.
weitere Infos
• ADHS: Kein Grund zur Panik. Podcast „ADHS: Mode-Diagnose oder echte Bürde?“ (Patient und Ärztin im Gerpräch über Mythos, Leid & Realität).
Psychoedukation (Wikipedia-Spiegel bei www.expertenrat-adhs.de).