Viele Menschen mit Übergewicht wissen sehr genau, was zu tun wäre: ausgewogen essen, regelmäßige Mahlzeiten einhalten, Bewegung in den Alltag integrieren. Trotzdem gelingt die Umsetzung oft nicht dauerhaft. Bei einem Teil der Betroffenen liegt das nicht an mangelnder Motivation, sondern an einer – häufig unerkannten – ADHS-Symptomatik.
Wenn gute Vorsätze im Alltag verloren gehen
Typisch ist eine wiederkehrende Erfahrung: Der Plan steht – aber im Alltag gerät er aus dem Blick. Menschen mit ADHS berichten zum Beispiel:
- Mahlzeiten werden unregelmäßig oder spontan verschoben
- Einkäufe erfolgen impulsiv statt geplant
- gesetzte Ziele sind kurzfristig präsent, gehen aber schnell wieder verloren
Das sind keine einzelnen „Ausrutscher“, sondern wiederkehrende Muster: Vorsatz und Umsetzung klaffen systematisch auseinander.
Exekutive Funktionen als Schlüsselstelle
Hinter diesen Schwierigkeiten stehen sogenannte exekutive Funktionen. Dazu gehören unter anderem:
- Handlungsplanung
- Prioritätensetzung
- Impulskontrolle
- Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit über längere Zeiträume
Bei ADHS sind diese Funktionen häufig beeinträchtigt.
Das bedeutet: Das Problem liegt meist nicht darin, zu wissen, was richtig wäre, sondern darin, dieses Wissen im richtigen Moment verfügbar zu haben, Entscheidungen zu treffen und dranzubleiben.
Warum klassische Empfehlungen oft nicht greifen
Viele Programme zur Gewichtsreduktion setzen genau hier an der falschen Stelle an – ohne es zu berücksichtigen. Sie vermitteln Wissen, geben klare Regeln vor und erwarten eine stabile Umsetzung im Alltag. Für Menschen mit ADHS ergibt sich dadurch ein typischer Verlauf:
- hohe Anfangsmotivation
- erste Umsetzungserfolge
- dann schrittweises Abweichen
- schließlich Abbruch
Das wird von außen häufig als mangelnde Disziplin interpretiert – tatsächlich handelt es sich aber um ein strukturelles Problem der Verhaltenssteuerung, an dem exekutive Funktionen und ADHS-Symptome beteiligt sind.
Was sich daraus praktisch ableiten lässt
Wenn ADHS als möglicher Faktor berücksichtigt wird, verschiebt sich der Fokus: weg von reiner Wissensvermittlung hin zu einer besseren Umsetzbarkeit im Alltag. Das kann bedeuten:
- stärkere Strukturierung von Abläufen (z. B. feste Essenszeiten, vorbereitete Mahlzeiten)
- Vereinfachung von Entscheidungen (z. B. begrenzte Auswahl, wiederkehrende Routinen)
- kleine, realistische Schritte statt komplexer Pläne
Ziel ist nicht perfekte Kontrolle, sondern eine Gewichtsregulation, die zur individuellen neurobiologischen Ausgangslage passt.
Ein anderer Blick auf „Scheitern“
Für viele Betroffene ist diese Perspektive entlastend. Wiederholtes Scheitern erscheint dann nicht mehr als persönliches Versagen, sondern als Hinweis darauf, dass die bisherigen Strategien nicht zu den vorhandenen exekutiven Ressourcen passen. Wenn ADHS und die damit verbundenen Steuerungsschwierigkeiten mitgedacht werden, können Behandlungen realistischer geplant werden – mit mehr Chancen auf nachhaltige Veränderungen und weniger Selbstvorwürfen.
Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, April 2026.
Bildnachweis
• Foto von Tyler Mower auf Unsplash
Quellen
• Cortese S, Moreira-Maia CR, St. Fleur D, Morcillo-Peñalver C, Rohde LA, Faraone SV: Association Between ADHD and Obesity: A Systematic Review and Meta-Analysis. Am J Psychiatry. 2016;173(1):34-43 (DOI).
• Nigg JT, Johnstone JM, Musser ED, Long HG, Willoughby MT, Shannon J: Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and being overweight/obesity: New data and meta-analysis. Clin Psychol Rev. 2016;43:67-79 (DOI).
weitere Infos
• Übergewicht (Wikipedia-Spiegel bei www.expertenrat-adhs.de).
• Podcast ADHS – Kein Grund zur Panik!: Komorbiditäten bei ADHS: Mehr als nur EINE Diagnose – Wie Begleiterkrankungen ADHS beeinflussen.