Das erschöpfbare Gehirn: Ein neues Modell erklärt ADHS neu

Warum kann ein Mensch mit ADHS stundenlang hochkonzentriert an einer faszinierenden Aufgabe arbeiten – und scheitert wenig später daran, eine banale E-Mail zu beantworten, Unterlagen zu sortieren oder zwanzig Minuten still in einer Besprechung zu sitzen? Warum erleben Eltern ihre Kinder an einem Tag als erstaunlich fokussiert und leistungsfähig, am nächsten aber wie innerlich „weggerutscht“? Und warum führt genau diese Widersprüchlichkeit seit Jahren zu den zermürbendsten Missverständnissen im Umgang mit ADHS – bis hin zu dem Vorwurf: „Du kannst es doch, wenn du willst“?

Vielleicht, weil ADHS nicht nur ein Problem der Aufmerksamkeit ist. Sondern auch eines der Ausdauer.

Eine neue theoretische Arbeit des Berliner Neurobiologen Mohammad Dawood Rahimi schlägt genau diesen Perspektivwechsel vor. Unter dem Begriff „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD) beschreibt er ADHS nicht als starres Defizit an Konzentration oder Selbstkontrolle, sondern als Zustand begrenzter und instabil verfügbarer Steuerungsenergie im Gehirn. Gemeint ist damit ausdrücklich keine neue Diagnose und kein wissenschaftlich bewiesener Endpunkt. Aber es ist ein Denkmodell, das eine auffällige Lücke schließt: Es verbindet die neurobiologische Diskussion über Stoffwechsel, Stress, Schlaf und neuronale Belastbarkeit mit der symptomatischen Alltagserfahrung vieler Betroffener – nämlich dass Leistung bei ADHS oft nicht konstant schlecht, sondern irritierend unzuverlässig ist.

ADHS ist oft kein „Nicht-Können“, sondern ein „Nicht-durchhalten-Können“

Die klassische Beschreibung von ADHS arbeitet mit Begriffen wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Das ist diagnostisch brauchbar, erklärt aber nur unzureichend, warum dieselbe Person unter manchen Bedingungen erstaunlich effizient funktioniert und unter anderen schon an Routineaufgaben zerfällt. Genau hier setzt EDHD an.

Das Modell geht davon aus, dass exekutive Funktionen – also planen, priorisieren, Impulse hemmen, anfangen, dranbleiben, Ablenkungen ausblenden – keine abstrakten psychologischen Fähigkeiten sind, sondern energetisch teure Hirnleistungen. Vor allem die frontalen Steuerungsnetzwerke müssen dauerhaft aktiviert, synchronisiert und gegen konkurrierende Reize stabil gehalten werden. Das kostet neurobiologisch Ressourcen.

Die entscheidende These lautet: Diese Ressourcen sind bei ADHS nicht grundsätzlich nicht vorhanden, aber sie stehen offenbar weniger stabil und weniger ausdauernd zur Verfügung. Unter günstigen Bedingungen – Interesse, Zeitdruck, emotionale Aktivierung, klare Struktur, Neuigkeitsreiz – kann das System erstaunlich gut laufen. Unter monotoner Belastung, Schlafmangel, Reizarmut, sozialer Daueranspannung oder diffuser Mehrfachanforderung bricht die Steuerungsleistung sehr viel schneller ein. ADHS wäre damit weniger ein globales Aufmerksamkeitsdefizit als eine Art begrenzte Exekutiv-Ausdauer.

Das erklärt einen Alltagssatz, den Betroffene ständig hören und gleichzeitig hassen: „Aber gestern ging es doch auch.“ Ja – gestern vielleicht schon. Nur eben nicht beliebig oft, nicht beliebig lange und nicht unter jeder inneren und äußeren Last.

Was dem Gehirn dabei möglicherweise fehlt: kein Wille, sondern Puffer

Rahimi versucht diese Instabilität nicht moralisch oder rein psychologisch, sondern neurobiologisch zu rahmen. Er bündelt dazu Forschungsstränge, die bisher meist nebeneinander standen: Mitochondrienfunktion, Glukosestoffwechsel, oxidativer Stress, Entzündungsmodulation, circadiane Rhythmik und neuromodulatorische Netzwerksteuerung. Die Datenlage ist heterogen und keineswegs beweisend; das Modell behauptet ausdrücklich nicht, ADHS sei „eine Stoffwechselkrankheit“. Aber es formuliert eine plausible Zwischenhypothese:

Das ADHS-Gehirn könnte in Situationen anhaltender Selbststeuerung weniger energetische Reserve besitzen, um exekutive Netzwerke stabil zu halten und nach Belastung rasch zu regenerieren.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn damit verschiebt sich die Frage von „Hat dieser Mensch Aufmerksamkeit oder nicht?“ zu „Wie lange bleibt sein Steuerungssystem unter dieser Belastung überhaupt funktionsfähig?“ Die Kurzstrecke ist oft erstaunlich intakt. Die Langstrecke ist das Problem: der vierte Unterrichtsblock, die dritte Stunde am Schreibtisch, das zweite Meeting des Tages, die abendliche Familienorganisation nach bereits verbrauchter Energie.

Viele Erwachsene mit ADHS beschreiben genau dieses Phänomen: Morgens noch kompetent, mittags fahrig, abends organisatorisch kollabiert. Viele Kinder zeigen es im Schulverlauf ebenso: guter Start, dann zunehmendes Wegdriften, Gereiztheit, Zappeln, Verweigerung. Bisher wurde das oft nur als mangelnde Motivation oder Reizfilterstörung gelesen. EDHD fügt hinzu: vielleicht ist es auch ein Erschöpfungsprozess.

Hyperaktivität erscheint plötzlich in anderem Licht

Besonders interessant wird das Modell dort, wo es klassische ADHS-Symptome neu interpretiert. Unruhe, ständiges Positionswechseln, Herumspielen mit Gegenständen, impulsives Umschalten zwischen Aufgaben, das Suchen nach neuen Reizen – all das wirkt auf Außenstehende wie mangelnde Disziplin oder fehlende Selbstkontrolle. EDHD liest diese Muster zumindest teilweise anders: als kurzfristige Notfallreaktionen eines Systems, das seine Aufmerksamkeit künstlich stabilisieren muss.

Bewegung aktiviert. Neue Reize aktivieren. Ein Task-Wechsel aktiviert. Das Gehirn erzeugt damit kurzfristig neue Wachheit, neue Synchronisation, neues Arousal. Solche Verhaltensweisen sind also nicht automatisch sinnvoll oder sozial günstig – sie können Beziehungen, Schule und Arbeit massiv belasten –, aber sie erscheinen nicht mehr nur als „Störung“, sondern als sichtbarer Versuch, einen inneren Leistungsabfall zu kompensieren.

Das erklärt auch, warum manche Betroffene permanent zwischen Tabs, Aufgaben, Gesprächen, Handy und Nebentätigkeiten springen: Nicht immer, weil sie nichts durchhalten wollen, sondern manchmal, weil monotones Durchhalten neurophysiologisch bereits am Kippen ist.

Was sich dadurch in Therapie und Selbstverständnis ändern könnte

Noch ist EDHD kein klinisches Instrument und keine neue Leitlinie. Medikamente, Psychoedukation, Verhaltenstherapie und Alltagsstruktur bleiben die bekannten Säulen. Aber das Modell verändert die Blickrichtung.

Es macht erstens verständlicher, warum ADHS-Symptome so stark tagesform-, umgebungs- und belastungsabhängig sind. Zweitens verschiebt es die Anamnese weg vom schlichten „kann/kann nicht“ hin zu Fragen wie: Wann kippt die Leistung? Nach welcher Dauer? Unter welcher Art von Aufgabe? Nach wie viel Schlaf? In welcher sensorischen Umgebung? Und drittens entlastet es viele Betroffene von einem moralischen Grundmissverständnis: Inkonsistenz ist nicht automatisch Inkonsequenz.

Wer mit ADHS phasenweise brillant und phasenweise blockiert ist, erlebt nicht zwingend einen Widerspruch des Wollens, sondern möglicherweise die Grenzen eines erschöpfbaren Steuerungssystems. Das ist kein Freibrief, alles biologisch zu entschuldigen. Aber es ist eine Einladung, Alltag, Therapie und Selbstmanagement weniger an abstrakten Leistungsnormen und stärker an realen Belastungs- und Erholungszyklen auszurichten.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke dieses neuen Modells: Es erklärt ADHS nicht endgültig. Aber es erklärt besser, warum sich ADHS für Betroffene oft so anfühlt, als hätte das Gehirn an manchen Tagen einen Motor – und an anderen nur noch die Reserveleuchte.

Quellen
• Pressemitteilung (51): „ADHS besser verstehen – Forscher entwickelt neues Erklärmodell EDHD. Freie Universität Berlin, 28.4.2026 (Meldung).
• Rahimi MD: Energy deficit hyperactivity disorder (EDHD): A neurobiological energy dysregulation model for ADHD. Neurosci Biobehav Rev. 2026 May;184:106616 (DOI, Kurzfassung).
Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, 29.4.2026.
Bildnachweis
• Foto von Markus Kammermann auf Unsplash
weitere Infos
• ADHS: Kein Grund zur Panik. Podcast „Wann ist fachärztliche Expertise notwendig?

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