ADHS, Adipositas und die Macht der Routine (Gastbeitrag)
In dieser Folge geht es um den überraschenden Zusammenhang zwischen ADHS und Adipositas, einer chronischen Ernährungs- und Stoffwechselerkrankung. Du erfährst, warum Adipositas oft unterschätzt wird und wie sie mit ADHS zusammenhängt. Dr. Wolfgang Köhmen erklärt, welche Rolle das Gehirn und der Dopaminstoffwechsel dabei spielen und warum es wichtig ist, beide Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln.
Wir sprechen über die Herausforderungen bei der Esskontrolle, den Einfluss von ADHS auf das Essverhalten und die Bedeutung von Routinen und strukturierter Tagesgestaltung. Außerdem bekommst du wertvolle Tipps, wie du als Betroffener oder Angehöriger die Risikospirale durchbrechen kannst und warum eine gute Zusammenarbeit von Fachärzten so entscheidend ist.
In dieser Folge geht es um:
- Definition und medizinische Hintergründe von Adipositas bei Kindern und Erwachsenen
- Zusammenhänge zwischen ADHS, dopaminergen Störungen und Essverhalten
- Häufigkeit von Adipositas bei Menschen mit ADHS und praktische Erfahrungen aus der Praxis
- Therapieansätze: Bedeutung von Struktur, Ernährung, Bewegung und medikamentöser Behandlung
- Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit bei ADHS und Adipositas
Gast: Wolfgang Köhmen
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Herzlich willkommen hier bei „Kein Grund zur Panik: Aus der Praxis für die Praxis“. Wir haben es im Podcast bereits einige Male besprochen: ADHS kommt selten allein. Es gibt unterschiedliche Begleiterkrankungen, die häufig im Zusammenhang mit ADHS auftreten können. Über so eine Begleiterkrankung, so eine Komorbidität, sprechen wir auch in dieser Ausgabe. Bei dieser Erkrankung war ich allerdings überrascht, dass hier ein Zusammenhang zwischen ADHS und ihr besteht. Adipositas heißt diese Erkrankung. Es ist, so sagt es Wikipedia, eine chronische Ernährungs- und Stoffwechselstörung. Was genau hinter diesem Zusammenhang steckt und was wichtig ist, das habe ich mit Dr. Wolfgang Köhmen, Facharzt für Kinder und Jugendmedizin, Neonatologe und Diabetologe, der in eigener Praxis in Essen niedergelassen ist, besprochen. Los geht’s mit der Definition, was Adipositas überhaupt ist.
Wolfgang Köhmen:
Die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation, macht sich es da einfach mal ganz einfach und definiert eine Adipositas im Erwachsenenalter nach dem BMI, also dem Body Mass Index. Das ist einfach nur der Quotient aus dem Körpergewicht oder Körpergröße zum Quadrat. Ab einem BMI von 25 spricht man dann von Übergewicht, ab einem BMI von dreißig spricht man von Adipositas. Sie merken schon, hier gibt es keine Differenzierung nach Geschlecht oder Alter. Bei Kindern und Jugendlichen ist man da ein bisschen genauer, wir haben da getrennte Kurven für Jungs und Mädchen und auch altersentsprechende Perzentilwerte. Und wir definieren Übergewicht ab der 90. Perzentile und die Adipositas oberhalb der 97. Perzentile. Für Spezialisten ist aber eigentlich die Fettverteilung bedeutsamer als der BMI. So ein muskelbepackter Sportler kann auch einen höheren BMI haben, ohne übergewichtig zu sein. Aber die Fettverteilung ist nicht so gut messbar. Deshalb verwenden wir heute fast nur noch den BMI.
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Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Aspekt, weil, wie gesagt, wenn ich jetzt sehr viel trainiere, habe ich natürlich Muskelmasse. Das ist aber stoffwechsel- neutrale bzw. „positive“ Masse. Und dann gibt es ja auch noch eine Fettverteilung, weil das Fett, je nachdem, wo es liegt, eben Einfluss auf den Stoffwechsel hat oder eben nicht. Darüber werden wir bestimmt auch noch sprechen. Jetzt haben sie die Kinder und Jugendlichen ja angeführt, dass wir da genauer hinschauen. Sie sind Pädiater, aber nicht nur, sondern eben auch Diabetologe. Das heißt, Stoffwechselerkrankungen spielen in ihrer Praxis eine große Rolle. Bleiben wir mal bei der Adipositas. Sie haben gesagt, da gibt es eine genauere Definition bei Kindern und Jugendlichen, geschlechtsspezifisch auch aufgesplittet. Wie präsent ist denn das Thema überhaupt in ihrer Praxis? Wie werden sie damit konfrontiert?
Wolfgang Köhmen:
Als Pädiater ist natürlich der Schwerpunkt, bei uns liegt er auf der Prävention, also den Vorsorgeuntersuchungen. Und da gehört so eine Gewichts- und Längenmessung bei jeder Vorsorge dazu, genauso wie eine Beratung über Ernährung oder körperliche Aktivität. In meiner Praxis natürlich noch ein bisschen spezieller. Wir machen auch Interventionsstudien mit. Aktuell ist die Adipositas nochmal stärker präsent, vor allem seit Corona. Wir sprechen als Kinder- und Jugendärzte auch von einer stillen Pandemie. In der heutigen Zeit haben die meisten Menschen weniger Zeit, sich ein gesundes Essen zu bereiten. Man bevorzugt so fast food – schnell, billig. Und alles, was schnell und überall verfügbar ist. Klar, aufgrund der hohen psychosozialen Belastung, der reduzierten Lebenserwartung und der hohen ökonomischen Folgen kann das Thema Adipositas natürlich nie hoch genug angesetzt werden. Mir werden auch in meiner Praxis häufiger Patienten vorgestellt zum Ausschuss eines metabolischen Syndroms oder eines sogenannten Prädiabetes, also einer gestörten Zuckertoleranz als Vorstufe zum Diabetes. Und die Patienten werden auch immer jünger und sind nicht nur junge Erwachsene oder Adoleszenten. Und deshalb sollte man in solchen Fall natürlich auch ziemlich konsequent schon handeln. Man weiß nämlich, dass die meisten Kinder, die übergewichtig sind oder adipös sind, das auch als Erwachsene bleiben. Genauso wie ADHS wächst sich so eine Adipositas einfach nicht aus und führt zu den alarmierenden Zahlen, die wir aktuell haben. Weshalb das Thema aber möglicherweise in vielen Praxen nicht so präsent ist, ist die Tatsache, dass die Adipositas in unserer Gesellschaft gar nicht als Erkrankung angesehen wird. Und nicht als etwas angesehen wird, was zu einem großen Teil in die Wiege gelegt wird, also wofür der Betroffene gar nichts kann oder allein verantwortlich ist. Sondern es wird oft als Erziehungsfehler bezeichnet, als sei man ein schlechter Mensch, was er könne, aber nicht wolle. Einfach nur faul und nachlässig.
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Ja, genau, genau.
Wolfgang Köhmen:
Und erst die Folgeerkrankung, die sie angesprochen hat, die Adipositas, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Fettstoffwechsel, also die Folgeerkrankungen, die werden dann als Erkrankungen angesehen. Die werden dann auch behandelt, aber natürlich oftmals schon zu spät. Und das sehe ich auch genauso bei Adipositas (eigentlich ADHS). Sie wird auch nicht als eine Erkrankung gesehen, die man gut behandeln kann. Sie wird oft als erfundene Erkrankung dargestellt, als Faulheit, schlecht erzogen. Dabei ist ADHS auch eine organische Erkrankung. Es ist nämlich auch eine Stoffwechselerkrankung, nämlich des Dopaminstoffwechsels im Gehirn. Und das Gehirn, das ist auch nur so ein Organ wie Leber, Niere und alles andere. Alles, was da oben im Kopf abläuft, ist alles nur Chemie, Physik, Biologie. Und die Organe stehen miteinander in Verbindung. Deshalb bin ich dafür, dass beides, auch die Adipositas, entstigmatisiert werden sollten, als Erkrankungen angesehen werden, bei denen vor allem die Gene eine bedeutende Rolle spielen, also etwa 60 bis 80 %. Und beide Erkrankungen kann man wirksam therapieren. Die meisten Gene, die zur Übergewicht führen, spielen im zentralen Nervensystem bei der Appetitregulation eine Rolle. Deshalb gibt es auch die Überlappung zwischen den Symptomen einer ADHS, worüber wir ja heute sprechen werden.
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Ich versuche mal ganz kurz für mich nochmal zusammenzufassen. Ganz klar: Adipositas, Vorstufe Übergewicht, das hat nicht was mit einem schwachen Willen zu tun, sondern es ist eine Erkrankung, die einen hohen Impact auf unser gesamtes System hat. Weil sie haben ja die Folgeerkrankungen skizziert, die für die Betroffenen natürlich eine hohe Last sind, die aber natürlich auch für ein Gesundheitssystem eine hohe Last darstellen. Und damit ist Prävention hier wichtiger denn je. Jetzt haben sie gleichzeitig gesagt, und das bringt mich dann gleich auch zu meiner nächsten Frage, wir sollten auch ADHS als eine Art „somatische Erkrankung“ ansehen oder vielleicht anders framen, weil auch die entsteht ja in einem Organ, nämlich dem Gehirn. Hier scheint es also einen Zusammenhang zwischen ADHS und Adipositas zu geben, was ja auch im Gehirn, wenn ich sie richtig verstanden habe, seinen Ursprung hat. Unser Hungergefühl wird eben da gesteuert. Schauen wir auf Studien, dann zeigt sich ja tatsächlich ein Zusammenhang zwischen ADHS und Adipositas, der, nebenbei bemerkt, als ich jetzt in der Vorbereitung der Sendung mit Menschen darüber gesprochen habe, dass es diesen gibt, immer für Überraschung gesorgt hat. Studien zeigen, dass die Prävalenz bei Menschen mit ADHS im Erwachsenenalter um 70 % höher ist für eine Adipositas und bei Kindern um 40 % höher für Menschen mit ADHS eine Adipositas zu kriegen im Vergleich zu Menschen ohne ADHS. Das klingt wahnsinnig hoch, die Zahl, finde ich. Also auch bei Kindern und Jugendlichen 40 % ist es eine Menge. Wenn sie jetzt in ihre Praxis schauen, können sie dem zustimmen? Also erleben sie das auch in der Praxisrealität?
Wolfgang Köhmen:
Ja, also zum einen habe ich auch zuerst gedacht, oh, die Zahlen erscheinen mir sehr hoch. Das typische Bild, was wir von einem ADHSler haben, ist ja sowohl der hyperaktive, eher schlanke Junge, der verbraucht so viele Kalorien, kann nicht still sitzen beim Essen und aufessen. Und ich sehe natürlich auch viele Patienten mit ADHS und einem Mediumgewicht. Allerdings stimmt das oftmals nur für das Kindesalter. In aller Regel sehen wir die Adipositas typischerweise erst bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit ADHS. Also dann, wenn die Hyperaktivität so ein bisschen verschwindet und die Aufmerksamkeit schön bleibt, also Stichwort „daddelnde Couch Potato“. Und gerade dann, wenn das ADHS in diesem Alter noch nicht diagnostiziert wurde oder, wegen mir, auch nicht ausreichend behandelt wurde. Die von ihnen zitierten Daten stammen aus der Meta-Analyse von Samuel Cortisi. Und interessanterweise gab es da eine Untergruppe, nämlich die der medikamentös behandelten ADHS- Patienten. Die hatten übrigens kein erhöhtes Übergewichtsrisiko. Allerdings in der Adoleszenz wird die Adärenz zur Therapie schlechter. Oftmals ist die Wirkdauer der Medis zu kurz, das führt dann zu unkontrolliertem Essverhalten am späten Nachmittag oder die Therapie wird sogar beendet. Und dann kommt es natürlich als Rebound zur Gewichtszunahme. Dann kommen die Patienten erst wieder als Erwachsene in die Arztpraxis und man so übergewichtig wie der ist, der kann doch keine ADHS haben. Also, so denke ich, dass die Zahlen zum anderen auch eher gering sind, wenn man das mal aus der anderen Richtung sieht, also werden Adoleszente in meiner Praxis vorgestellt mit Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2, dann berichten mir die Patienten sehr oft von Symptomen einer ADHS im Kindesalter, noch bevor sie dann übergewichtig wurden. Und wenn man dann die Diagnostik durchführt, stellt man fest, stelle ich in meiner Praxis fest, dass fast mehr als die Hälfte wirklich eine ADHS haben. Vor allem dann auch nochmal die Mädchen, bei denen das bisher noch nicht diagnostiziert worden ist, die jetzt in der Pubertät erst ihre Symptome nicht mehr kompensieren können und dann übergewichtig werden.
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OK, sie sagen, die Zahlen sind wahrscheinlich sogar noch höher. Hier haben wir eigentlich noch viel zu wenig diagnostizierte ADHSler, wenn wir die Prävalenz in der Gesellschaft angucken. Das haben wir hier im Podcast auch schon angesprochen. Ich möchte jetzt noch mal kurz zurück springen. Sie haben ja schon ein bisschen skizziert, warum es so einen Zusammenhang geben kann, weil sowohl das Hungergefühl im Gehirn „geschaltet“ wird, und auch ADHS ein neurologisches Syndrom ist. Gibt es denn hier schon tiefergehende Erkenntnisse, Verständnisse, die diesen Zusammenhang noch weiter erklären können? Wo stehen wir da?
Wolfgang Köhmen:
Da gab es in letzter Zeit enorm gute Forschungsergebnisse. Also wie gesagt, zu Beginn nochmal, es gibt so eine Überlappung der Gene, die zu Übergewicht führen und die zu ADHS führen. Also die gleichen Gene, die zu ADHS führen, führen in anderen Organen als im Gehirn zu Adipositas. Zu anderen körperlichen Erkrankungen wie Asthma, Allergien, Autoimmunerkrankungen. Neurobiologische Forschungen haben gezeigt, dass das dopaminerge System offensichtlich dabei eine Schlüsselrolle spielt, sowohl bei ADHS als auch bei Adipositas. Es gibt also gemeinsame biologische Faktoren der beiden. Bei beiden sind Hirnareale gemeinsam betroffen. Diese Dopamin- Transmitterstörung, wie ich die jetzt mal nennen will, ist ursächlich für eine Störung der Exekutivfunktion, des Belohnungssystems und der inhibitorischen Kontrolle, also der Impulshemmung. Hier ist z.B. ein Beispiel die Störung der Exekutivfunktion, also des planvollen, an die Situation angepassten seriellen Handels. Also z.B. wenn wir um 18 Uhr Abend essen wollen, was müssen wir tun? Wir müssen möglicherweise schon 1 Stunde vorher anfangen, die Mahlzeit zuzubereiten, müssen entscheiden, was wir kochen und essen wollen, schauen, was alle Zutaten vorhanden sind, müssen warten, bis alles fertig ist, bevor wir uns dann hinsetzen, essen. Das kann für jemanden mit ADHS schon schwierig sein. Seine Impulsivität führt dazu, dass er jetzt sofort essen will. Er greift dann zu Pizza oder fast food, schlingt es schnell herunter und hat damit viele schnell wirksame Kohlenhydrate und reichlich Fett verspeist. Auch die Ritualisierung fällt dem ADHSler immer schwer. Also Mahlzeiten werden nur unregelmäßig eingenommen, keine gemeinsamen Mahlzeit, Frühstück wird geskipt, Rohkost essen ist viel zu anstrengend, oft wird spätabends oder nachts gegessen. Die fehlende Motivation bei ADHS erschwert natürlich auch die Adhärenz zu Diätplänen oder sportlicher Aktivität und ist die Ursache für die schlechten Langzeitergebnisse diverser Übergewichts-Programme. Nehmen wir als nächstes z.B. auch die Störung des Belohnungszentrums. Normale Mahlzeiten führen bei ADHS nicht zu einer ausreichenden Belohnung. Es müssen große, hochkalorische, oft süße Mahlzeiten sein. Alles nur, was gut schmeckt, um das unterempfindliche Belohnungssystem bei ADHS ausreichend zu aktivieren. Der ADHSler macht ja all das, was er gern macht, sehr gut. Auch so beim Essen, verliert aber die Kontrolle dabei. Nehmen wir das Beispiel der gestörten Impulshemmung. Es fällt uns allen hier schwer, z.B. nur ein kleines Stückchen Schokolade zu essen. Schwupps ist die ganze Tafel weg. Das passiert bei einer Störung der Impulskontrolle häufiger. Oder bei einem leckeren Doghnut einfach mal Nein! zu sagen, fällt bei ADHS auch schwer. Im Englischen spricht man da übrigens, sehr interessant, von der ‚Sea Food Diet‘. Wissen sie, was das ist?
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Nee.
Wolfgang Köhmen:
Also wenn die ADHSler etwas zu essen sehen, essen sie das – Sea Food Diet. Das eigene Essverhalten kann da kaum kontrolliert werden. Bei ADHS gibt es ja sogenannte Wahrnehmungsstörungen oder eine erhöhte Ablenkbarkeit. Diese Wahrnehmung führt zu einer gestörten Wahrnehmung von Hunger und Sättigung. Wenn der Patient etwas gerne isst, weil es schmeckt, braucht er einen stärkeren Reiz an Völlegefühl, um mit dem Essen aufzuhören. Wir kennen das aus der Kindheit, wenn die Augen größer waren als der Bauch. Manchmal aber auch vergessen die Patienten einfach zu essen, wenn sie gerade am Zocken sind oder etwas anderes Interessantes machen. Dann essen sie anschließend umso mehr und vor allem schnell. Und die rasche Zufuhr schnell wirksamer Kohlenhydrate fördert die Fettgewebsbildung als Energiespeicher – dann einfach so als Vorsorge für die nächste „Hungersnot“ beim nächsten Computerspiel. Manchmal essen sie auch unbemerkt beim Fernsehen und sehen das nicht als eine Mahlzeit. Die Kalorien laufen da unter dem Radar. Zu ADHS gehört aus meiner Sicht auch die bedeutende Emotionsregulation. Emotionale Faktoren führen bei vielen Menschen dazu, mehr zu essen. Eine große Kugel Eiscreme, nach so einem stressigen Tag, als Belohnung, wer kennt das nicht? Bei Menschen mit ADHS kommt das aber täglich vor. Der ADHS-Patient hat Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation, was zu Essattacken führt, im Sinne von Frustessen, Essen als Stressregulation, als eine Form der Selbstmedikation. Und damit sind wir wieder beim Thema Sucht. Wir wissen aus dem vorherigen Podcast, dass ADHS- Patienten, insbesondere wenn nicht oder unzureichend behandelt, dass die zu einer Entwicklung einer Suchterkrankung neigen. Es gibt zum einen substanzgebundene Süchte, Alkohol, Nikotin, Cannabis – wirkt alles im Gehirn. Das häufigste Suchtmittel, was man überall kaufen kann, so ein weißes Pülverchen. Ich würde jetzt nur gerne wissen, was unsere aufmerksamen Zuhörer gerade jetzt denken. Ich meine mit diesem weißen Pülverchen, ich meine Zucker. Zucker ist eine Droge, wirkt im Gehirn, führt zu einer Dopaminausschüttung. Adipositas ist somit nichts anderes als eine Suchterkrankung. Bei Adipositas sind also die gleichen neuronalen Zentren betroffen, vor allem die dopaminabhängigen Zentren wie bei ADHS, und bei allen Formen der Sucht. Dafür spricht auch das zeitgleiche Auftreten von ADHS und Essstörungen, z.B. Bulimie oder einer Binge Eating-Disorder, die meist auch mit einer Adipositas als Folge einhergehen.
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Jetzt rattert mein Gehirn, weil. Adipositas ist ein Risikofaktor, das haben sie auch schon angeführt, für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen. Das ist bekannt. Also im schlimmsten Fall ein Schlaganfall, Myokardinfarkt, Herzinfarkt, es können Stoffwechselentgleisungen dazukommen, also sprich Typ 2-Diabetes, das haben sie gesagt, das geht dann einher. Und damit erhöht sich das Risiko erneut. Das ist ja so ein regelrechter Teufelskreis, den man eben auch schon bezeichnet in der Medizin, den wir kennen. Der ist aber ja unabhängig von ADHS-Existenz. Jetzt haben sie aber ja dargestellt, wie schwierig es ist für den Betroffenen mit ADS, mit ADHS, diese Regulation zu erlangen. Was kann ich denn jetzt als Behandelnder, als Behandlerin tun, als Eltern, vielleicht aber auch als Betroffener, um überhaupt aus dieser Risikospirale rauszukommen? Weil ich habe so gerade jetzt ein bisschen vor meinem geistigen Auge die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, hab gedacht oh Gott, oh Gott, was kann man denn da tun, wenn die Impulsregulation eben gestört ist? Für mich fällt es ja schon schwer, nur mit einem Stück Schokolade zurechtzukommen.
Wolfgang Köhmen:
Also eine Therapie einer Adipositas ist nicht einfach. Aber je früher man beginnt, desto besser ist auch die Prognose. Aber es ist nicht zu spät. Prävention wäre natürlich schön. Aber für Eltern und Betroffene ist es zunächst einmal wichtig, sich zu überlegen, so eine feste Struktur des Tages, aber auch der Nacht, sich dran zu halten. Also gehören feste Mahlzeiten dazu. Am besten natürlich gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie. Wichtig ist ernährungsphysiologisch natürlich auch das Frühstück. Dann konkrete Pläne, was gegessen wird, eventuell auch mit Hilfe einer Ernährungsberaterin. Dann ausreichend Zeit für eine Mahlzeit und dabei kein Fernsehen. Also insgesamt bewusstes Essen, das eigene Essverhalten beobachten und kontrollieren. Dann aber feste Zeiten für Mediengebrauch und sportliche Aktivität, am besten im Verein. So vermeidet man auch Langeweile. Eine Falle für unkontrolliertes Snacken. Dann ist es wichtig, dass man nicht einer Modediät folgt, also sich kleine realistische Ziele setzt besser. Besser ist es auch eine Verhaltensänderung, die man jahrelang beibehalten kann, also nicht so FDH für drei Wochen. Und man braucht Leute im Umfeld, die mitmachen und einen immer wieder motivieren, z.B. andere Familienmitglieder oder Freunde. Aber auch das klingt alles, was ich gesagt habe, einfacher, als es in Wirklichkeit ist. Und es hat was mit dem Gehirn zu tun. Deshalb sollten sich Betroffene frühzeitig Hilfe suchen beim Arzt, beim Therapeuten. Und dieser sollte das Thema auch ernst nehmen und nicht verharmlosen oder mit dem Kommentar abtun ‚iss weniger oder treibe mehr Sport‘. Oder Pädiater sagen, das wächst sich alles aus. Zumindest mal Hilfe anbieten und dabei auch an eine psychische Erkrankung wie ADHS denken. Oft tendieren die Ärzte dazu, eine von den Eltern oder den Patienten berichtete Aufmerksamkeitsstörung oder so eine Motivationsstörung der Grunderkrankung Adipositas zuzuordnen, also durch das Übergewicht zu erklären, und übersehen eine mögliche ADHS. Und wichtig ist auch noch, bei zeitgleichem Vorliegen einer ADHS und Adipositas: bitte nicht zu lange mit dem Beginn einer medikamentösen Therapie warten! Das Therapieziel ist ja klar und messbar, nämlich eine Reduktion des Gewichtes und damit auch der Risikospirale. Stimulanzen sind nachweislich sehr effektiv, Menschen mit ADHS zu helfen, ihr Essverhalten und ihr Gewicht zu regulieren. Stimulantien führen zu gesunderem Essverhalten, reduzieren Stress und das damit verbundene emotionale Essen. Stimulantien hemmen nicht den Appetit, wie oft gesagt wird, sondern regulieren ihn. Wie bei allem müssen sich Menschen mit ADHS natürlich stärker anstrengen als andere, um nicht in eine Risikospirale zu kommen.
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Jetzt haben sie es gesagt – also ganz viele wichtige Tipps – sie haben es aber auch gesagt, und das finde ich bei diesen, wir nennen es ja Lebensstilmodifikationen, immer einen ganz wichtigen Hinweis, das ist nicht einfach, sondern das ist für eine Langstrecke, für einen Weg, aber grundlegend auch wichtig, die ADHS-Therapie, wenn wir es schon diagnostiziert haben und darum wissen, die auch erfolgreich zu implementieren. Jetzt komme ich zu ihnen in die Praxis, Herr Dr. Köhmen, und bin vielleicht ein Teenager, der adipös ist, ich bin viel in den sozialen Medien unterwegs. Vor einigen Jahren sind für den Diabetes die sogenannten GLP-1-Analoga eingeführt worden. Ein Mittel, das den Zuckerstoffwechsel positiv beeinflusst. Und es war eine Spritze, die man bekam. Davon gibt es jetzt neuere Generationen und die haben den wunderbaren Nebeneffekt, dass man Gewicht verliert durch diese Therapie. Und deshalb sind diese Spritzen ja mittlerweile gar nicht mehr als reines Diabetes- Therapiepräparat sozusagen in aller Munde, sondern vor allen Dingen als Abnehmspritze. Und ich habe die sozialen Medien genannt, viele Stars zeigen das und sagen hier, ich habe diese Spritze genommen und habe so und so viel Gewicht verloren. Ich komme also jetzt zu ihnen als adipöser Teenager und Herr Dr. Köhmen, das ist ja alles schön und gut, hier regelmäßiges Essen, aber das war alles viel zu kompliziert. Geben sie mir doch einfach die Spritze, dann habe ich das mit dem Gewicht doch im Griff.
Wolfgang Köhmen:
So einfacher ist es zwar nicht, auch wenn ich sagen muss, dass diese Abnehmspritze, wie wir das jetzt am besten mal nennen, die wirkt schon echt gut. Die führt zur Gewichtsreduktion. Damit kann man zum Teil bis zu 15, 20, sogar 25 % seines Körpergewichts reduzieren. Allerdings, was man wissen muss, ist: Es wird schon lange als Diabetes-Medikament eingesetzt. Der Hauptwirkort dieses Medikamentes ist nicht die Bauchspeicheldrüse, also nicht die Insulinausschüttung wird verbessert, sondern diese Abnehmspritze verstärkt das Sättigungsgefühl. Wichtig für jemanden mit einer Wahrnehmungsstörung. Patienten berichten, dass sie mit dieser Spritze das Essen nicht mehr zur Belohnung brauchen, dass sie das Essen besser unter Kontrolle haben, bewusster essen. Und bei diesem Medikament kann man das sehr schön sehen, die Überlappung zwischen Adipositas und einer ADHS-Symptomatik, also auch eine Überlappung der Wirkung von Stimulantien und der Abnehmspritze, die in ähnlichen Hirnbereichen wirken. Die Appetitreduktion nennt man bei der Abnehmspritze ‚Hauptwirkung‘, bei den Stimulantien ‚Nebenwirkung‘. Ganz wichtig ist aber auch, dass der Patient wissen muss, diese Abnehmspritze muss man ein Leben lang nehmen und ohne eine Veränderung seiner Verhaltensmodifikation wird es auch nicht klappen. Und ob es bei einer ADHS, man weiß das ja auch von der bariatrischen Chirurgie, die gleichen Mikro??, das GLP-1 wird da nach einer Operation des Magens, einer bariatrischen Operation, ja verstärkt ausgeschüttet. Man weiß aber, dass ADHSler davon weniger profitieren. Also wir kommen da irgendwo nicht dran vorbei, auch an ein ADHS zu denken, wenn wir erfolgreich das Gewicht reduzieren wollen, egal mit welchem Medikament.
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Okay, das ist glaube ich nochmal ein ganz wichtiger Hinweis, weil wir sind ja jetzt auch davon ausgegangen, dass ich weiß, da hat jemand ADHS und Adipositas, aber das haben sie ja auch schon gesagt, es kann natürlich auch sein, dass ich da jemanden habe mit einer Adipositas. Das ADHS ist gar nicht diagnostiziert und ich sollte hier das immer im Hinterkopf haben. Das wäre jetzt so was für mich schon mal, was ich als Tipp aus ihren Ausführungen herausziehen könnte. Was ist denn aus ihrer Meinung nach, ich meine, für sie in der diabetologischen Schwerpunktpraxis ist dieses Thema natürlich wirklich präsent, aber was ist ihnen denn wichtig, was Kolleg:innen, die uns jetzt vielleicht zuhören, mitnehmen sollten für ihre Praxis, wenn wir auf Menschen mit ADHS und das Risiko Adipositas schauen?
Wolfgang Köhmen:
Also ich empfehle grundsätzlich allen Kollegen, die sich um Menschen mit ADHS kümmern, das Risiko einer Adipositas immer im Hinterkopf zu haben. Vor allem auch, wenn das bei den kleinen Kindern noch nicht der Fall ist, vor allem dann, wenn die Eltern oder auch die Geschwister, also wenn es in der Familie schon irgendjemand mit Übergewicht gibt. Wir müssen ja bei ADHS-Therapie alle halbe Jahre Gewicht, Länge, neben Blutdruck und so weiter auch messen. Bei einer unklaren Gewichtszunahme sollte man dringlich nochmal eine Störung des Essverhaltens in Betracht ziehen, auch die körperliche Aktivität hinterfragen und diesbezüglich beraten und motivieren. Gerade in der Adoleszenz, wie gesagt, verschwindet ja die Hyperaktivität, das kann dann auch eine gewisse Gewichtszunahme begünstigen oder wenn die Medikation dann nicht mehr ausreichend wirkt. Also: Faktoren wie Lebensweise, wie Ernährung, Sport, Schlaf und Stress sollten wir Ärzte bei unseren Patienten mit ADHS immer im Auge halten und in die Psychoedikation einfließen lassen. Wir müssen auch bedenken, dass eine Adipositas nicht nur die Folge der ADHS-Erkrankung ist, sondern die Adipositas kann die ADHS-Symptome auch verstärken, im Sinne eines Teufelskreises, wie sie es eben auch schon gesagt haben. Also Übergewicht kann dazu führen, dass man dann weniger Sport macht, sich schämt, ein negatives Selbstgefühl entwickelt, gerade bei einer Stigmatisierung in unserer Gesellschaft. Frust, Stress, schlechter Schlaf etc. führen dann wieder zur reduzierten Aufmerksamkeit und Konzentration, zu einer geringeren Leistungsfähigkeit. Deshalb halte ich es aber auch umgekehrt für sehr, sehr wichtig, dass Ärzte bei einer Adipositas auf ADHS screenen, insbesondere wenn zahlreiche Versuche zur Gewichtsreduktion schon gescheitert sind. Die Adipositas steht oftmals dabei so sehr im Vordergrund, die ADHS wird überdeckt oder dann auch übersehen. Was ich in der Praxis oft auch sehe: eine vorbestehende, so leichte oder unterschwellige ADHS wird durch die Adipositas im Jugendalter verstärkt, sodass die diagnostische Schwelle erst jetzt in der Adoleszenz überschritten wird. Unter Fachleuten spricht man von sogenannter ‚Subthreshold Disease‘ und mehr als 1/3 aller adipösen Menschen leiden gleichzeitig an einer ADHS und es sollte allemal für ein Screening reichen. Ausserdem: die Maßnahmen zur Gewichtsreduktion, wie eine Änderung des Essverhaltens, mehr Sport machen, sind oft nur unter einer ausreichenden ADHS-Therapie erfolgreich, was übrigens für viele körperliche Erkrankungen gilt. Ich empfehle abschließend deshalb noch bei der Überlappung körperlicher Erkrankungen wie der Adipositas mit psychischen Störungen wie der ADHS eine enge Kooperation der unterschiedlichen Fachdisziplinen, also Hausarzt mit Psychiater, Pädiater mit Kinder- und Jugendpsychiater z.B.
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Das ist, glaube ich, ein ganz, ganz zentraler Punkt. Auch darüber haben wir schon gesprochen in unserer Podcast-Reihe: die Zusammenarbeit, gerade auch natürlich die Transition, großes Thema beim Expertenrat, auch wenn dann die Betroffenen aus ihrer Praxis in die Erwachsenenmedizin übergehen, da noch zurückschauen – eine große Aufgabe, die sich ihnen da stellt in der Betreuung der Betroffenen. Aber eine, die sich lohnt, denn sie haben ja auch skizziert, wohin das läuft. Und hier aufmerksam zu sein und präventiv zu denken, ist, glaube ich, enorm wichtig. Es hilft den Betroffenen, es hilft den Angehörigen natürlich und es hilft einfach, da aus diesem Teufelskreis rauszukommen. Dr. Wolfgang Köhmen, vielen, vielen Dank. Erstens für ihr Engagement im Kontext ihrer Patient:innen und danke für ihre Zeit und ihre Expertise hier im Podcast.
Wolfgang Köhmen:
Danke auch an sie für den tollen Podcast, für die tolle Podcast-Serie, die ich selbst abonniert habe. Und weiterhin viel, viel Erfolg.
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Das ist natürlich ein Riesenkompliment, wenn unsere Gäste unserem Podcast folgen. Und ich lade sie ein, tun sie es Dr. Köhmen doch gleich. Wenn sie mögen, dann abonnieren sie unsere Sendung. Der Vorteil: ihnen entgeht keine der neuen Ausgaben. Und natürlich freut sich das gesamte Team hinter „ADHS kein Grund zur Panik: Aus der Praxis für die Praxis“ über eine positive Bewertung. Und damit machen sie es auch anderen Interessierten leichter, diesen Podcast zu finden. Also hoffentlich bis zur nächsten Ausgabe. Ich sag tschüss, bis dahin.