Viele Menschen mit Übergewicht bekommen klare Ratschläge: weniger essen, mehr bewegen, konsequent bleiben. Für einen Teil der Betroffenen greifen diese Empfehlungen jedoch nur begrenzt – nicht, weil es an Einsicht oder Motivation fehlt, sondern weil die Selbststeuerung im Gehirn beeinträchtigt ist. Eine häufig übersehene Rolle spielt dabei ADHS.
Unsichtbare Bremse: Wenn ADHS und Gewicht zusammenkommen
In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass ADHS nicht nur mit schulischen oder beruflichen Problemen einhergeht, sondern auch mit körperlichen Erkrankungen wie Übergewicht und Adipositas. Mehrere große Studien und Metaanalysen berichten, dass Erwachsene mit ADHS häufiger adipös sind als Vergleichsgruppen ohne ADHS – die Rate liegt etwa 50–70 % höher.
Besonders deutlich wird der Zusammenhang in spezialisierten Adipositas- oder bariatrischen Zentren: Dort finden sich bei Patientinnen und Patienten mit schwerem Übergewicht überdurchschnittlich häufig bislang unerkannte ADHS-Symptome. Viele Betroffene haben bereits mehrere Diäten, Ernährungsprogramme oder Lebensstilinterventionen hinter sich – ohne nachhaltigen Erfolg. Das Scheitern wird dann häufig als persönliches Versagen erlebt, obwohl im Hintergrund eine neurobiologische Störung der Steuerung mitwirkt.
Warum „Sie müssen nur konsequenter sein“ zu kurz greift
Klassische Empfehlungen zur Gewichtsreduktion setzen voraus, dass eine Person langfristig planen, Prioritäten setzen, Routinen etablieren und Versuchungen widerstehen kann. Genau diese exekutiven Funktionen – Planung, Arbeitsgedächtnis, Inhibition, Selbstorganisation – sind bei ADHS oft beeinträchtigt.
Für viele Betroffene bedeutet das: Sie wissen in der Regel sehr genau, was „eigentlich“ zu tun wäre. Im Alltag scheitert es jedoch an der Umsetzung – etwa an spontanen Impulskäufen, unstrukturierten Essenszeiten, dem Verlieren von Zielen aus dem Blick oder an Erschöpfung am Ende des Tages. Hinzu kommen häufig problematische Essmuster (z. B. kontinuierliches Snacking, emotionales Essen oder eine stark situativ geprägte Lebensmittelauswahl), die eng mit Impulsivität, Unaufmerksamkeit oder Stimmungsschwankungen verknüpft sind.
Ratschläge wie „Seien Sie einfach konsequenter“ oder „Sie müssen sich nur zusammenreißen“ greifen deshalb zu kurz: Sie adressieren vermeintliche Charakterschwächen, nicht aber die zugrunde liegende Steuerungsproblematik. Das verstärkt Scham und Schuldgefühle, ohne die Erfolgsaussichten der Therapie zu verbessern.
Was Betroffene und Behandelnde daraus ableiten können
Für die Versorgungspraxis bedeutet das: Bei Menschen mit Übergewicht – insbesondere bei wiederholtem Scheitern von Gewichtsreduktion – sollte konsequent an ADHS gedacht werden. Eine strukturierte Abklärung kann helfen, die „unsichtbare Bremse im Kopf“ zu identifizieren und Behandlungsstrategien anzupassen.
Dazu gehören unter anderem:
- eine leitliniengerechte medikamentöse Behandlung,
- Unterstützung bei Alltagsstruktur und Routinen,
- realistische, kleinschrittige Zielplanung,
- sowie angepasste Strategien im Umgang mit Ernährung und Bewegung.
Für Betroffene kann die Diagnose entlastend sein: Misslingende Diäten erscheinen dann nicht mehr als persönliches Versagen, sondern als Hinweis darauf, dass zusätzliche Faktoren berücksichtigt werden müssen.
Ziel ist nicht „perfekte Disziplin“, sondern eine Gewichtsregulation, die zur individuellen neurobiologischen Ausgangslage passt – mit weniger Selbstvorwürfen und realistischeren Erfolgschancen.
Autor
• Rainer H. Bubenzer, Eichstädt bei Berlin, März 2026.
Bildnachweis
• Foto von Jade Destiny auf Unsplash
Quellen
• Cortese S, Moreira-Maia CR, St. Fleur D, Morcillo-Peñalver C, Rohde LA, Faraone SV. Association Between ADHD and Obesity: A Systematic Review and Meta-Analysis. Am J Psychiatry. 2016;173(1):34-43 (DOI).
• de Zwaan M, Gruss B, Müller A, et al. Association between obesity and adult attention-deficit/hyperactivity disorder in a German community-based sample. Obes Facts. 2011;4(3):204-211 (DOI).
• Cortese S, Tessari L. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD) and Obesity: Update 2016. Curr Psychiatry Rep. 2017;19(1):4 (DOI).
weitere Infos
• ADHS: Kein Grund zur Panik. Podcast „ADHS, Adipositas und die Macht der Routine“.
• Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Erwachsenen (Wikipedia-Spiegel bei www.expertenrat-adhs.de).
• Übergewicht (Wikipedia-Spiegel bei www.expertenrat-adhs.de).